Kasuskongruenz

Wer A sagt, muss auch bei A bleiben – die Kasuskongruenz

Neulich las ich im Rahmen des Lektorats einer Bachelorarbeit folgende Formulierung: die Bedeutung des Staates als solchem. Gemeint ist, dass der Staat als solcher eine Bedeutung hat. Aber wie kommt die Autorin auf „solchem“? Für die Wahl des Dativs (Wem-Fall) gibt es hier keinen Grund; er ist laut Grammatikregeln nicht korrekt (es geht nur die Kasuskongruenz, doch dazu später). Und dennoch wird an solchen und ähnlichen Wendungen häufig der Dativ verwendet. Dem möchte ich in diesem Beitrag einmal nachgehen.

Vorab eine Warnung: Das Lesen dieses Beitrags kann zu spontaner Müdigkeit führen. Ich kenne nur wenige Grammatikregeln, die noch dröger sind (eigentlich gar keine …). Trotzdem finde ich persönlich die Beschäftigung damit durchaus spannend: Denn dies ist kein Phänomen der neueren Zeit, sondern existiert schon seit Jahrhunderten. Das macht es doch irgendwo faszinierend.

Die Grammatikregel, um die es geht, ist eigentlich ganz einfach: Eine Apposition (Fachjargon für Beschreibung, Beifügung) steht in der Regel im gleichen Fall (Kasus) wie das Bezugswort. Das ist schon alles. Nehmen wir mal als Bezugswort „Hund“ und als Beschreibung (Apposition) „mein treuer Begleiter“. Der Hund ist also ein treuer Begleiter. Die genannte Regel lässt sich bei folgenden Sätzen recht einfach umsetzen:

  • Das ist der Hund, mein treuer Begleiter. (Wer? Nominativ)
  • Ich liebe meinen Hund, meinen treuen Begleiter. (Wen oder was? Akkusativ)
  • Ich gab das Leckerli meinem Hund, meinem treuen Begleiter. (Wem? Dativ)
  • Das ist das Halsband meines Hundes, meines treuen Begleiters. (Wessen? Genitiv)

Eigentlich logisch, nicht wahr? Und theoretisch nicht schwer zu verstehen.

Wer jetzt schon zu müde zum Weiterlesen ist, kann es dabei bewenden lassen. Wer aber noch wissen möchte (oder es auch schon ahnt), warum der oben genannte Satz (mit dem Staat) so nicht funktioniert, traut sich vielleicht noch an das Folgende heran.

Der letzte Satz aus der Liste oben ist nämlich nicht so einleuchtend, wie es in dieser Aufzählung scheint. In der Praxis wird hier nämlich kaum jemals der Genitiv (also „meines treuen Begleiters“) verwendet. Das passiert fast routinemäßig dann, wenn der Satz nicht (wie oben) ein Komma aufweist, sondern wenn die Apposition mit „als“ angeschlossen wird. Hier gilt – eigentlich logisch – die gleiche Grammatikregel: Die Apposition steht im gleichen Kasus wie das Bezugswort.

Wenn ich der Auffassung bin, dass mein Hund mein treuer Begleiter ist, dann verstehe ich meinen Hund als meinen treuen Begleiter (wen oder was verstehe ich so? = Akkusativ). Dann gebe ich auch das Leckerli meinem Hund als meinem treuen Begleiter (wem gebe ich es? = Dativ). Und das Halsband ist eben das Halsband meines Hundes als meines treuen Begleiters (wessen Halsband? = Genitiv). Okay, es gibt geistreichere Sätze – aber zumindest sind sie korrekt.

Wer A sagt, muss auch bei A bleiben – die Kasuskongruenz

Die Apposition steht also im gleichen Kasus wie das Bezugswort: Nominativ bleibt Nominativ, Akkusativ bleibt Akkusativ, Dativ bleibt Dativ – und Genitiv bleibt Genitiv und wechselt nicht auf einmal zu Dativ.

Genau das ist aber in der Praxis häufig der Fall. Da heißt es dann: das Verständnis des Hundes als meinem treuen Begleiter (richtig ist: … als meines treuen Begleiters). Oder es heißt: die Bedeutung des Staates als solchem (richtig ist: als eines solchen). Oder: die Rede Peter Meiers als dem Leiter des Unternehmens (richtig ist: des Leiters).

Der Dativ lässt sich in diesen Fällen nicht legitimieren. Denn die Präposition als mit Dativ zu verwenden ist nach den Grammatikregeln nicht möglich (vgl. dazu Bopp 2015).

Im Zweifelsfall den Dativ?

Allerdings ist dieser Ersatzdativ keine Erfindung der neueren Zeit. Und alle, die ihn heute verwenden, befinden sich in guter Gesellschaft. Denn er kommt so häufig vor, dass er vermutlich kaum noch als falsch auffällt. Zahlreiche Beispiele belegen seinen Gebrauch: Diese Niederlage, der höchsten seit …Der Wasserpegel des Jangtse, Chinas längstem Fluss – Ich habe keine Entschuldigung für diese Niederlage, der höchsten seit 1984 (Beispiele aus Gipfert 1981, 33; Vater 2015, 226; Bopp 2015).

Und auch bei Aufzählungen nach einer Präposition wird häufig der Dativ verwendet, auch wenn er dort nichts zu suchen hat. Das Interesse richtet sich auf den Gegenstand – das klingt plausibel, denn nach „auf“ kommt hier Akkusativ (auf wen oder was richtet sich das Interesse?). Doch werden dann weitere Dinge aufgezählt, so stehen sie oft – aus welchen Gründen auch immer – im Dativ, was falsch ist: Das Interesse richtet sich auf den Gegenstand, der Definition von Begriffen und dem Beantworten der Forschungsfrage (richtig ist: Das Interesse richtet sich auf … die Definition … und auf das Beantworten der Forschungsfrage).

Oder hier: Dies erfolgt durch den Prozess, dem Sampling und der Erstellung? Auch hier gilt: einmal Akkusativ, immer Akkusativ. Richtig wäre: Dies erfolgt durch den Prozess, [durch] das Sampling und [durch] die Erstellung. In der Praxis aber scheint zu gelten: im Zweifel den Dativ.

Über die Gründe für die Beliebtheit des Dativs kann ich nur spekulieren. Offensichtlich wird intuitiv dieser Kasus gewählt wird, wenn kein anderer für plausibel gehalten wird: Der Genitiv klingt manchmal ungewöhnlich und gespreizt, der Akkusativ hingegen zu banal (gerade weil er oft gleichlautende Formen mit dem Nominativ hat). Der Dativ scheint hingegen für viele ein gutes Mittelmaß zu bieten – warum also nicht? Dann kommt es zu Formen wie diesen: Freitags, als dem ruhigsten Tage … Man bediente sich des Russischen als schriftsprachlichem Medium … Heute als dem heiligen Pfingstfeste … (Beispiele aus Gippert 1981, 32 f.).

Der (falsche) Dativ nach „als“ und nach vielen Präpositionen kann somit auf eine lange Geschichte zurückblicken – was ihn deshalb aber noch nicht richtig macht. Genau alt wie der falsche Gebrauch des Dativs sind auch die Hinweise in Grammatikbüchern, dass der Dativ hier nicht hingehört; dies zeigt Dr. Bopp zum Beispiel anhand der Vollständigen Grammatik der neuhochdeutschen Sprache von Heinrich Bauer von 1832.

Lässt sich der Genitiv nicht umgehen?

Wenn Sie sich gar nicht mit dem Genitiv nach „als“ anfreunden können, gibt es (zum Glück) eine Möglichkeit, den Satz zu ändern: Sie können nämlich den Nominativ verwenden, wenn Sie den Artikel weglassen. Dann heißt es nicht: die Auffassung des Hundes als eines treuen Begleiters, sondern: die Auffassung des Hundes als treuer Begleiter. Gemeint ist dann: Der Hund wird als treuer Begleiter aufgefasst (vgl. auch Mackowiak 2008, 21–23).

Bei den anderen Fällen Dativ und Akkusativ ist das so nicht möglich. Hier geht nur die sogenannte Kasuskongruenz, also der gleiche Fall für Apposition und Bezugswort. Falsch ist daher: Von meinem Hund als treuer Begleiter erwarte ich das (richtig: Von meinem Hund als treuem Begleiter erwarte ich das.) oder: Ohne einen Hund als treuer Begleiter geht bei mir gar nichts (richtig: Ohne einen Hund als treuen Begleiter geht bei mir gar nichts.)

Bei solchen Stellen, die dem natürlichen Sprachempfinden quer zu stehen scheinen, habe ich mir angewöhnt, in der separaten Dokumentation die Textänderung zu begründen. Denn es muss schon ein starkes Argument geben, eine Textstelle so zu ändern, dass sie vorher in den Ohren des Kunden offensichtlich ganz in Ordnung klang – und sich hinterher merkwürdig anhört.

Tipps aus dem Lektorat

Wenn Sie trotz allem noch unsicher bei der Bildung einer Apposition sind, ist das verständlich. Denn dieser Komplex gehört zu den schwierigsten und intuitiv auch mit am wenigsten nachvollziehbaren Regeln der Grammatik. Wenn Sie diese mal nicht richtig anwenden sollten, wird das vermutlich kaum einem auffallen (was kein Freibrief sein sollte, Grammatikregeln in den Wind zu schreiben). Theoretisch ist es aber nicht so schwer, wenn man sich die Grundregel vergegenwärtigt: Apposition und Bezugswort stehen im gleichen Kasus. Fertig ist die Laube!

Hier noch ein paar weiterführende Anmerkungen, Beispiele und Tipps:

  • Wie muss es hier weitergehen? Es geht um die Einführung von Religion als eigenständige[..] Unterrichtsfach. Hier haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können den Dativ wählen, der nach „von“ üblicherweise kommt: als eigenständigem Unterrichtsfach. (Ein Beispiel übrigens dafür, dass der Dativ nach „als“ nicht immer falsch ist – hier wird er aber nicht durch „als“ begründet, sondern durch „von“.) Oder Sie können Nominativ wählen: Religion wird als eigenständiges Unterrichtsfach eingeführt. Dann heißt es: die Einführung von Religion als eigenständiges Unterrichtsfach.
  • Was halten Sie von folgendem Satz? Manchmal führt eine Beratung zur Auswahl eines anderen als dem ursprünglich vorgesehenen Verfahren. Hier ist der Fall eindeutig: Richtig ist nur: … Auswahl eines anderen als des ursprünglich vorgesehenen Verfahrens. Diesen Satz las ich übrigens vor über fünfzehn Jahren im Rahmen eines Lektorats einer Diplomarbeit. Um hier sicherzugehen, hatte ich damals die Duden-Redaktion angerufen. Auch für (damals noch junge) Profis also ein kniffliges Thema.
  • Ein letzter Tipp: Angenommen, Sie sind bei Aufzählungen nach einer Präposition unsicher, wie es dann heißen muss, zum Beispiel hier: durch einen Versuch, eine[..] Probelauf und ein[..] Testphase. Rufen Sie sich am besten dann die Präposition bei jedem Aufzählungspunkt wieder in Erinnerung. Dann wird deutlich, wie es weitergeht: durch einen Versuch, [durch] einen Probelauf und [durch] eine Testphase. Der Dativ (einem Probelauf und einer Testphase) wäre hier fehl am Platze.

Wenn Sie froh sind, Ihren Text zu Papier gebracht zu haben, und nicht unbedingt an Fachfragen der Grammatik interessiert: Dann überlassen Sie ihn uns zur Korrektur. Wir sorgen dafür, dass Dativ und Genitiv überall am richtigen Platz stehen!

Literatur

Bopp, Stephan (2015): Die Apposition und der Dativ. Aus: Fragen Sie Dr. Bopp! 14.12.2015. Online unter http://canoo.net/blog/2015/12/14/die-apposition-und-der-dativ/ (Abruf 24.02.2018).

canoonet (2018): Die Apposition. Online unter http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Satzgliedbau/Nomen/Apposition.html (Abruf am 24.02.2018).

Gippert, Jost (1981): Zur Dativ-Apposition im Deutschen. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Heft 103, 31–62.

Mackowiak, Klaus (2008): Die 101 häufigsten Fehler im Deutschen und wie man sie vermeidet. München.

Vater, Heinz (2015): Kasusveränderungen im gegenwärtigen Deutschen, in: Zeitschrift des Verbandes polnischer Germanisten, 4: 217–232, online unter www.ejournals.eu/pliki/art/4782/ (Abruf 24.02.2018)

Wer A sagt, muss auch bei A bleiben – die Kasuskongruenz