Zitierstile (5): Der Vancouver-Stil

Kürzer geht es nicht: Beim Vancouver-Stil steht hinter einem Zitat in Klammern eine Nummer. Diese verweist auf den zugehörigen Eintrag im Literaturverzeichnis. Erst hier wird erkennbar, aus welcher Quelle im Text zitiert wurde. Die Kürze dieses Zitierstils ist bestechend – hat allerdings auch Nachteile. Daher ist er nur für wenige Studienfächer geeignet.

Das Wichtigste in Kürze

Der Vancouver-Zitierstil wurde speziell für Aufsätze der Medizin konzipiert. Es handelt sich um ein Nummernsystem: Die Quellen werden in der Reihenfolge, wie aus ihnen im Text zitiert wird, durchnummeriert. Diese Nummern werden nach einem Zitat in Klammern in den Fließtext eingefügt. Erst beim Blick ins Literaturverzeichnis wird erkennbar, um welche Quelle es sich handelt.

Entstehung

1978 trafen sich einige Herausgeber medizinischer Zeitschriften in Vancouver und erarbeiteten Richtlinien zur Gestaltung von Manuskripten, die in ihren Zeitschriften veröffentlicht werden sollten. Diese Richtlinien wurden im Jahr darauf erstmals veröffentlicht, und zwar unter der Bezeichnung Uniform Requirements for Manuscripts submitted to Biomedical Journals. Aus dieser Gruppe von Herausgebern, der Vancouver Group, erwuchs schließlich das International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE). Zu seinen Mitgliedern gehören medizinische Fachzeitschriften verschiedener Länder, zum Beispiel das Deutsche Ärzteblatt.

Das ICJME publiziert und aktualisiert bis heute die Richtlinien zur Gestaltung von Manuskripten. Diese heißen jetzt Recommendations for the Conduct, Reporting, Editing, and Publication of Scholarly Work in Medical Journals (kurz ICMJE Recommendations) und sind in der aktuellen Version vom Dezember 2019 seit dem 9. Januar 2020 weltweit von Verfassern medizinischer Fachartikel verpflichtend anzuwenden.

Diese Richtlinien umfassen insgesamt 19 Seiten. Sie enthalten vor allem allgemeine Empfehlungen zur Abfassung klinischer Studien, unter anderem zu den ethischen Verpflichtungen, die bei der Durchführung klinischer Studien mit Patienten einzuhalten sind, oder zum Umgang mit möglichen Interessenkonflikten. Die Vorgaben zur Gestaltung von Artikeln und zur Zitierweise sind recht kurz: In wenigen Absätzen wird das Prinzip der Durchnummerierung der Quellen dargelegt. Konkrete Anwendungsbeispiele sind nicht vorhanden.

Charakteristika

Beim Vancouver-Stil handelt es sich um ein Nummernsystem. Laut der Originalquelle, den ICMJE Recommendations, werden die Quellenbelege in der Reihenfolge, wie sie zuerst im Text erwähnt werden, durchnummeriert: „References should be numbered consecutively in the order in which they are first mentioned in the text. Identify references in text, tables, and legends by Arabic numerals in parentheses“ (ICMJE Recommendations, 18).

Diese Nummern werden in Klammern im Text eingefügt. Dabei machen die Recommendations weder Angaben dazu, ob dies runde oder eckige Klammern sein sollen, noch dazu, ob sie normal gesetzt oder hochgestellt werden sollen. Am häufigsten werden in der Literatur runde Klammern verwendet, die nicht hochgestellt werden; dies habe ich für die folgenden Beispiele und die Abbildung übernommen. Ein Beispiel: Einige Autoren sehen dies so und so (1, 2). Zum Vergleich: Laut den Zitierrichtlinien des New England Journal of Medicine sollen hochgestellte Nummern und keine Klammern verwendet werden: Einige Autoren sehen dies so und so 1, 2. Die Manuscript Guidelines von Springer Vancouver sehen hingegen eckige Klammern vor: Einige Autoren sehen dies so und so [1, 2]. So unterschiedlich kann der Vancouver-Zitierstil im Text angewandt werden.

Wenn im Laufe des Textes erneut aus einer Quelle zitiert wird, wird dafür die Nummer verwendet, die diese Quelle bei der Erstnennung erhalten hat. In einem solchen Fall wird die fortlaufende Nummerierung der Quellenbelege im Text durchbrochen. Der Grund für die erneute Angabe der Nummer der Erstnennung ist, dass jede im Text verwendete Quelle nur einmal im Literaturverzeichnis stehen soll. Jede Nummer steht also für eine bestimmte Quelle.

Die Quellen im Literaturverzeichnis sind also – abweichend von anderen Zitierstilen – nicht alphabetisch sortiert, sondern erscheinen dort in der Reihenfolge, in der sie im Text zitiert werden.

Quellen

Originale Quellen

Deutsche Adaptionen (Auswahl)

Konkrete Beispiele

Die US-amerikanische Originalquelle, die Recommendations for the Conduct, Reporting, Editing, and Publication of Scholarly Work in Medical Journals des ICMJE, nennt keine konkreten Beispiele. Daher habe ich mich an den Beispielen der U.S. National Library of Medicine orientiert.

Dabei habe ich englische Bezeichnungen ins Deutsche übertragen (zum Beispiel Hrsg. statt editor oder S. statt p.) und mich nach den deutschen Schreib- und Interpunktionsregeln gerichtet, zum Beispiel nach Satzzeichen wie Komma oder Semikolon ein Leerzeichen gesetzt und Zeitschriftennamen ausgeschrieben (zum Beispiel nicht: J Klin For 2016;4:40–50, sondern: Journal für klinische Forschung 2016; 4:40–50).

a) Monografie

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Dreyer D. Pudel in Kitas – Möglichkeiten und Grenzen der tiergestützten Pädagogik. München: dtv; 2015.

Im Literaturverzeichnis wird auf Hervorhebungen wie Kursivsatz oder Anführungszeichen generell verzichtet, ebenso auf das Komma zwischen Nachname und Vorname.

b) Artikel mit zwei Autorinnen in einem Sammelband

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Olbrecht O, Preil P. Therapiehunde gestern und heute. In: Rosner R, Hrsg. Tiergestützte Pädagogik im Spiegel der Zeit. Berlin: Ontario Verlag; 2018. S. 20–30.

c) Zeitschriftenartikel mit drei Autoren

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Schulze S, Troll T, Urban U. Tiergestützte Therapie bei Kindern mit ADHS. Tierpädagogik heute 2018; 2: 10–20.

Für Publikationen mit mehreren Autoren gilt: Bis zu sechs Namen werden aufgeführt, danach folgt die Angabe et al. (und andere). Während bei Artikeln aus Sammelbänden der Vermerk „In:“ vor dem Herausgebernamen genannt wird (siehe oben), ist dies bei Zeitschriftenartikeln nicht der Fall. Hier folgt der Name der Zeitschrift direkt auf den Titel des Artikels.

d) Internetquelle ohne Jahr

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Altenberg A. Therapiearbeit einmal anders. Alternative Pädagogik. Hrsg. vom Fachverband Tiertherapie. Ohne Jahr [zitiert am 2. November 2019]. Abrufbar unter: URL: www.ftt.de/altenberg/.

Zusammenfassung: die Besonderheiten des Vancouver-Zitierstils

Beim Vancouver-Stil wird im Text mit einer Nummer auf eine Quelle im Literaturverzeichnis verwiesen. Anders als bei der Verwendung eines Kurzbelegs (wie Müller 1950) erschließt sich somit erst beim Blick ins Literaturverzeichnis, um welche Quelle es sich dabei handelt. Aus diesem Grund sieht Theisen in seinem Lehrbuchklassiker Wissenschaftliches Arbeiten (2017) diese Zitierweise nicht als empfehlenswert an. Er bezeichnet sie als „Karikatur[..] einer ordnungsgemäßen Zitierung“, der „keine Beachtung geschenkt werden“ sollte (ebd., 168).

Bei Verwendung des Vancouver-Stils kann auch ein praktisches Problem auftauchen: Wenn Sie nachträglich noch ein Zitat und damit einen Quellenbeleg einfügen, zieht das einen hohen Aufwand nach sich. Denn dann muss neu nummeriert werden. Und auch wenn Sie beim Revidieren des Textes noch Sätze umstellen oder verschieben, müssen Sie darauf achten, dass sich die aufsteigende Reihenfolge der Nummern der verwendeten Quellen nicht ändert. Bei Anwendung des Vancouver-Stils ist daher die Verwendung eines Literaturverwaltungsprogramms sehr zu empfehlen, da es in solchen Fällen automatisch weiternummeriert.

Laut Vancouver-Stil müssen im Text keine Seitenzahlen bei den Quellen angegeben werden. Im Literaturverzeichnis stehen zwar Seitenzahlen bei Artikeln aus Zeitschriften oder Sammelbänden – diese geben aber an, welchen Seitenbereich der Artikel in der Zeitschrift oder dem Sammelband umfasst, nicht, von welcher Seite das Zitat stammt, das Sie verwendet haben. Da der Vancouver-Stil speziell für medizinische Fachartikel konzipiert wurde, die wiederum in der Regel aus (kürzeren) Fachartikeln zitieren, ist es meist unproblematisch, wenn die Seitenzahl nicht angegeben wird. Wenn Sie aber aus einer umfangreichen Monografie zitieren, sind Seitenangaben im Text unerlässlich. Denn es ist dem Leser oder der Leserin nicht zumutbar, die Monografie zu durchsuchen, um das Zitat im Original nachzulesen.

Aus diesem Grund wird in einigen Zitierleitfäden ein Nummernsystem verwendet, das sich am Vancouver-Stil orientiert, aber im Text Seitenangaben vorsieht, zum Beispiel so: Dreyer hat dies als „gewinn­bringend für alle Seiten“ beschrieben.[1, S. 20]

Beim Anlegen des Literaturverzeichnisses gibt es einiges zu beachten, was zunächst ungewöhnlich erscheint:

  • Die Satzzeichen werden auf eine ungewohnte und damit ungewöhnliche Art verwendet: So werden zum Beispiel Abkürzungen ohne Punkt gesetzt (zum Beispiel bei Vornamen oder Zeitschriftennamen) und zwischen Nachname und Vorname wird kein Komma gesetzt.
  • Es gibt weder Kursivsatz noch Anführungsstriche. Der Vorteil: Das lässt sich leicht umsetzen. Der Nachteil: Bei Zeitschriftenartikeln ist kaum zu erkennen, wo der Name des Artikels aufhört und wo der Name der Zeitschrift beginnt. Ein Hinweiswort wie „In:“, das hier eine Hilfestellung geben könnte, fehlt. Bei Sammelbänden ist es jedoch vorgeschrieben. Der Grund für diese unterschiedliche Schreibweise der Publikationsformen (die es im Übrigen auch in anderen Zitierstilen wie zum Beispiel dem APA-Stil gibt) erschließt sich meines Erachtens nur schwer.
  • Da die Quellen im Literaturverzeichnis nicht – wie sonst üblich – alphabetisch sortiert sind, sondern in der Reihenfolge, wie sie im Text zitiert werden, ist es nicht möglich, sich dort einen schnellen Überblick über die verwendeten Quellen zu verschaffen.
  • Die Vornamen werden abgekürzt (Dreyer D). Was auf den ersten Blick praktisch und zeitsparend erscheint (weil es unter Umständen Recherche erspart), ist auf den zweiten Blick unpraktisch: Denn es ist nicht klar, ob die Quelle, aus der man zitieren möchte, von einem Mann oder einer Frau stammt. Daher muss letztendlich doch wieder recherchiert werden, um herauszufinden, ob man im Text „Er beschreibt …“ oder „Sie führt aus …“ zu schreiben hat.

Resümee: Was spricht für, was gegen den Vancouver-Stil?

Für den Vancouver-Stil spricht, dass er gerade in der medizinischen Fachwelt weit verbreitet und damit allgemein akzeptiert ist. Zudem wird der Fließtext nicht durch Quellenbelege in Klammern unterbrochen und der Text auch nicht durch Fußnoten aufgebläht. Das Nummernsystem bietet die größtmögliche Kürze, die beim Zitieren nur denkbar ist.

Dem stehen jedoch die oben erwähnten gerade für deutsche Studierende ungewohnten Vorgaben und Schreibweisen gegenüber. Den Vancouver-Stil oder eine andere Zitierweise mit dem Nummernsystem sollten Sie meines Erachtens nur anwenden, wenn dies an Ihrem Fachbereich ausdrücklich so gefordert wird. Er ist zugeschnitten auf kürzere Texte wie Aufsätze, bei denen auch nur aus kürzeren Texten zitiert wird, da keine Angabe der Seitenzahl, also der genauen Fundstelle des Zitates vorgesehen ist. Nicht zu empfehlen ist dieser Zitierstil für Grundlagenwerke oder enzyklopädische Abhandlungen. Denn bei diesen Texten wird oft aus (ähnlichen langen) Abhandlungen zitiert, weshalb die Angabe des genauen Fundortes unerlässlich ist.

Wenn Sie diese Zitierweise verwenden möchten (oder sollen): Erkundigen Sie sich, ob im Text für die zitierten Quellen wirklich keine Seitenzahlen angegeben werden sollen. Es ist keine Lösung (wie ich es einmal in einer Abschlussarbeit gesehen habe), im Literaturverzeichnis eine konkrete Seitenzahl anzugeben, die dann für die Fundstelle im Text gelten soll. Denn Sie können ja im Text mehrmals aus dieser Quelle zitieren, also mehrmals dieselbe Nummer der Quelle angeben. Dann werden Sie vermutlich immer wieder eine andere Stelle dieser Quelle zitieren. Daher ist es nur möglich, direkt im Text die jeweilige Seitenzahl anzuführen, wie ich es oben an einem Beispiel gezeigt habe. Sie sollten sich also vor dem Schreiben mit dem Vancouver-Zitierstil vertraut machen, um zu entscheiden, ob Sie danach zitieren möchten oder nicht.

Variante mit alphabetischer Sortierung des Literaturverzeichnisses

Die Tatsache, dass beim Vancouver-Stil das Literaturverzeichnis nicht alphabetisch sortiert ist, erschwert es dem Leser, sich im Literaturverzeichnis einen Überblick über die verwendeten Quellen zu verschaffen.

Dies mag der Grund sein, weshalb eine Variante des Nummernsystems entwickelt worden ist, bei der sich die Nummerierung der Quellen nach dem Literaturverzeichnis richtet, nicht nach der Zitierweise im Text: Die Zitierrichtlinien des Deutschen Ärzteblattes sahen es zeitweise so vor, dass die Quellen im Literaturverzeichnis alphabetisch angeordnet werden und in dieser Reihenfolge aufsteigend durchnummeriert werden. Diese Nummern werden dann für die Quellenbelege im Text verwendet (so stand es in den Hinweisen für Autoren von 2004. Laut den aktuellen Hinweisen für Autoren vom Juli 2019 sollen sich die Texte, die zum Druck eingereicht werden, wieder am originalen Vancouver-Stil orientieren, also ohne alphabetische Sortierung des Literaturverzeichnisses). Die folgende Abbildung zeigt die vorübergehende Variante des Vancouver-Stils:

Beispiel für die Anwendung des Vancouver-Stils nach dem Autor-Jahr-System (Author-Date) des Chicago-Stils im Text (Literaturverzeichnis siehe oben)

© Dr. Anette Nagel. Artikel erschienen im Mai 2020.

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