Zitierstile (2): Der Harvard-Stil

Der Harvard-Stil gehört heute zu den beliebtesten Zitierstilen überhaupt und eignet sich für wissenschaftliche Arbeiten vieler Studienfächer. Das Prinzip ist schnell erklärt: Die Quellenbelege stehen in Klammern direkt im Text. In diesem Artikel beschreibe ich, wie dieser Stil entstanden ist und was Sie beachten sollten, wenn Sie nach dem Harvard-Stil zitieren möchten.

Das Wichtigste in Kürze

Die Harvard-Zitierweise ist nicht nur international, sondern auch in Deutschland weit verbreitet und eignet sich für wissenschaftliche Texte fast aller Studienfächer. Die Quellenbelege stehen direkt nach dem Zitat in Klammern, und zwar im Autor-Jahr-System (zum Beispiel Dreyer 2015: 21). Fußnoten sind dennoch möglich – nicht für Quellenbelege, sondern für weiterführende Hinweise.

Der Harvard-Stil wird oft auch als amerikanische Zitierweise bezeichnet – obwohl er eigentlich in England entwickelt wurde (siehe unten).

Entstehung

Erstmals hatte Edward Laurens Mark, Zoologe an der US-amerikanischen Harvard University, im Jahr 1881 in einem Fachartikel das System angewandt, die Quellenangaben für ein Zitat direkt im Text (in Klammern) zu nennen und die Quellen im Literaturverzeichnis in der Reihenfolge Autor, Jahr und Titel aufzuführen. Einige seiner Kollegen übernahmen das System – ebenso die Bibliothek der Harvard University. Vermutlich war ein englischer Besucher der Bibliothek in den 1940er Jahren so beeindruckt davon, dass er es bei seiner Rückkehr nach England als „Harvard System“ bezeichnet hat. Dort wurde es an verschiedenen Universitäten weiter ausgearbeitet und schließlich auch von Hochschulen anderer Länder wie Deutschland übernommen.

Quelle: Chernin, Eli: The „Harvard system“: a mystery dispelled. In: BMJ (British Medical Journal), Volume 207, 22.10.1988, S. 1062 f. Online unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1834803/pdf/bmj00308-0078.pdf (Abruf am 13.02.2020).

Der Beitrag der Harvard University an der Entstehung des Harvard-Zitierstils besteht also nur darin, dass Mitte des 20. Jahrhunderts im Katalog ihrer Bibliothek die Einträge (in Anlehnung an Mark) in der neuen Reihenfolge Autor, Jahr, Titel aufgeführt wurden (und nicht, wie vorher, in der Reihenfolge Autor, Titel, Jahr).

Im Gegensatz zum APA- oder Chicago-Stil ist der Harvard-Zitierstil nicht in einer allein verbindlichen Quelle festgehalten und wird auch nicht von einer Organisation kontinuierlich weiterentwickelt. Anders, als es der für den Harvard-Stil oft verwendete Begriff „amerikanische Zitierweise“ vermuten lässt, wurde er wie erwähnt auch nicht in Amerika entwickelt, sondern an Universitäten in England, zum Beispiel in London oder Cambridge. Dies erklärt, warum sich die Richtlinien, die es gibt, in Details voneinander unterscheiden. „Harvard-System“ bedeutet nicht mehr als die Verwendung des Autor-Jahr-Systems für Quellenbelege im Text und die Verwendung des Autor-Jahr-Titel-Systems im Literaturverzeichnis. Alle weiteren Details zum Zitieren und Belegen legen die Universitäten eigenständig fest.

Die englischen Adaptionen können meines Erachtens keine größere Authentizität für sich beanspruchen als die deutschen, denn auch sie sind später entstanden als das ursprüngliche Harvard-System, so wie es Mitte des 20. Jahrhunderts im Bibliothekskatalog der Harvard University umgesetzt worden war. Aus diesem Grund können Sie sich ruhig nach einem deutschsprachigen Zitierleitfaden richten. Denn dann brauchen Sie sich keine Gedanken dazu zu machen, ob und wie Sie die angelsächsischen Konventionen des Zitierens und Belegens ins Deutsche übertragen sollen. Meines Erachtens ist eine solche Übertragung sinnvoll, zum Beispiel bei Datumsangaben (1. Mai 2019 statt May 1, 2019) oder bei Seitenangaben (150–153 statt 150–53).

Wichtig ist (und das gilt für alle Zitierstile): Wenn Sie beim Schreiben Ihrer Bachelor‑, Masterarbeit oder Dissertation den Harvard-Zitierstil anwenden möchten, sollten Sie sich konsequent nach dem von Ihnen gewählten Leitfaden richten.

Quellen

Wie erwähnt gibt es für den Harvard-Zitierstil keine originale Quelle, die die alleinige Referenz ist, sondern verschiedene Adaptionen, zum Beispiel:

Konkrete Beispiele

Quelle für das Folgende: Bahr und Frackmann (2011): Richtig zitieren nach der Harvard-Methode (siehe oben). Diese Arbeitshilfe gibt an einigen Stellen mehrere Zitiermöglichkeiten vor: So können Sie in einem Quellenbeleg vor der Seitenzahl „S.“ schreiben (oder auch nicht) und Jahr und Seitenzahl durch einen Doppelpunkt oder ein Komma trennen (so habe ich es unten beispielhaft bei den Monografien gemacht; diese Möglichkeiten bestehen analog auch bei den anderen Textsorten). Für Ihre Arbeit sollten Sie konsequent immer nur eine dieser Möglichkeiten anwenden.

a) Monografie

Schreibweise bei Erst- und Folgenennung im Text:

(Dreyer 2015: 20) oder:
(Dreyer 2015: S. 102) oder:
(Dreyer 2015, 20) oder:
(Dreyer 2015, S. 20)

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Dreyer, Dennis (2015): Pudel in Kitas – Möglichkeiten und Grenzen der tiergestützten Pädagogik, München: dtv.

b) Artikel mit zwei Autorinnen in einem Sammelband

Schreibweise bei Erst- und Folgenennung im Text:

(Olbrecht und Preil 2018: 26) oder:
(Olbrecht / Preil 2018: 26)

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Olbrecht, Olga und Pia Preil (2018): Therapiehunde gestern und heute, in: Rita Rosner (Hrsg.), Tiergestützte Pädagogik im Spiegel der Zeit, Berlin: Ontario Verlag, S. 20–30. oder:
Olbrecht, Olga und Preil, Pia (2018): … oder:
Olbrecht, Olga / Pia Preil (2018): … oder:
Olbrecht, Olga / Preil, Pia (2018): …

c) Zeitschriftenartikel mit drei Autoren

Schreibweise bei Erst- und Folgenennung im Text:

(Schulze et al. 2018: 12–15)

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Schulze, Samuel, Theo Troll und Uwe Urban (2018): Tiergestützte Therapie bei Kindern mit ADHS, in: Tierpädagogik heute, Bd. 2, S. 10–20.

Wenn Sie aus einer Quelle zitieren, die von mehreren Autoren stammt, haben Sie laut Bahr und Frackmann (2011) die Wahl: Sie können im Quellenbeleg entweder nur den erstgenannten Autor und dann „et al.“ schreiben – oder bei der ersten Nennung dieser Quelle alle Autoren erwähnen, zum Beispiel so: Schulze, Troll und Urban (2018, S. 13) weisen darauf hin, dass … Im Literaturverzeichnis werden jedoch immer alle Namen genannt.

d) Internetquelle ohne Jahr

Erst- und Folgebeleg im Text:

(Altenberg, o. J.)

Schreibweise im Literaturverzeichnis:

Altenberg, A. (o. J.): Therapiearbeit einmal anders. Fachverband Tiertherapie (Hrsg.): Alternative Pädagogik, [online] www.ftt.de/altenberg/ [02.11.2019]

Resümee: Was spricht für, was gegen die Harvard-Zitierweise?

Für die Anwendung der Harvard-Zitierweise spricht, dass diese Zitierregeln leicht umsetzbar sind. So gelten zum Beispiel die Vorgaben für die Schreibweise der Quellen im Literaturverzeichnis für alle Publikationsformen, egal ob es sich um eine Monografie handelt, um einen Artikel aus einer Zeitschrift oder aus einem Sammelband oder um eine andere Publikationsform. Einheitlich gilt: Zuerst kommen die Verfasserangaben, dann die Jahreszahl in Klammern, dann ein Doppelpunkt, dann der Titel sowie weitere Angaben (Band, Auflage, Ort, Verlag).

Dies ist ein großes Plus der Harvard-Zitierweise. Beim APA-Stil zum Beispiel müssen Sie hier genau unterscheiden: Bei einem Artikel aus einem Sammelband stehen die Seitenzahlen in der Mitte der Literaturangabe, bei Artikeln aus Zeitschriften am Ende; beim Sammelband stehen sie in Klammern, beim Zeitschriftenartikel nicht. Auf solche Finessen brauchen Sie bei der Harvard-Zitierweise nicht zu achten.

Diesen Zitierstil kann ich daher vorbehaltlos empfehlen. Ich halte ihn für leicht umsetzbar, gerade im Vergleich zu Zitierstilen wie dem APA-Stil. Also Daumen hoch für den Harvard-Stil!

Beispiel für die Anwendung des Harvard-Stils im Text und im Literaturverzeichnis

Haben Sie für Ihre Bachelor- oder Masterarbeit den Harvard-Stil verwendet? Wir prüfen gern, ob er konsequent umgesetzt wurde und alle Details stimmen.

© Dr. Anette Nagel. Artikel erschienen im Februar 2020.

Zitierstile (2): Der Harvard-Stil