Überqualifikation

Absage wegen Überqualifikation

Ihre Überqualifikation, die zu gute Qualifikation für die Stelle, hören oder vermuten Bewerber häufig als Grund, wenn die Bewerbung nicht erfolgreich war. Doch kann es das geben, dass ein Bewerber zu gut qualifiziert ist? Sollte ein Unternehmen sich nicht freuen, wenn Kompetenzen und Erfahrungen mitgebracht werden, die über die Anforderungen der Stelle hinausweisen? Was eigentlich hinter der Einschätzung der Überqualifikation steckt und wie Bewerber eine Ablehnung aus diesem Grund vermeiden, wird im Folgenden erläutert.

Einen Bewerber mit der Einschätzung der Überqualifikation abzulehnen, ist von Seiten des Unternehmens zunächst einmal eine höfliche Möglichkeit, Nein zu sagen. Die Einschätzung muss deswegen nicht unbedingt zutreffen.

Als überqualifiziert werden zum Beispiel Bewerber eingestuft, die als zu alt für die Position erachtet werden, weil Alter als Ablehnungsgrund nicht angegeben werden kann (Allgemeines Gleich­behandlungs­gesetz). Entweder wünscht sich das Unternehmen ein jüngeres Team – und lehnt deswegen ältere Bewerber ab – oder es vermutet, dass ein älterer Arbeitnehmer sich nicht mehr im Sinne des Unternehmens prägen lässt. Manche Vorgesetzte fürchten auch die Kompetenz erfahrener Mitarbeiter, die sie dann führen müssen und die ihnen womöglich die Position streitig machen könnten.

Häufigster Grund für die Ablehnung wegen einer tatsächlichen Überqualifikation ist die Vermutung des Unternehmens, dass es sich bei der Bewerbung um eine Notlösung handelt und der Bewerber sich über kurz oder lang in der Stelle unterfordert fühlt, sie ihm zu schlecht bezahlt ist und er sich wieder wegbewirbt. Dann muss das Unternehmen die Stellenbesetzung erneut angehen.

Es ist also erst einmal nach der Motivation zu fragen, warum sich ein Arbeitnehmer auf eine Position bewirbt, die er eigentlich bereits hinter sich gelassen hat. So kann ein Burnout Auslöser dafür sein, Verantwortung abgeben zu wollen; auch das Bedürfnis, nach Jahren der Hochleistung zu einer besseren Work-Life-Balance zu finden, oder der Wunsch nach einer Teilzeittätigkeit, um für die eigenen Eltern sorgen oder sich gesellschaftlich engagieren zu können, sind Auslöser dafür, eine Karrierestufe hinabzusteigen.

Meiner Erfahrung nach langweilen sich die meisten Arbeitnehmer dann aber bei Routinetätigkeiten, wenn sie vorher jahrelang Mitarbeiter geführt oder Projekte geleitet haben. Sinnvoll ist es daher, zunächst zu prüfen, ob die Ziele nicht auch in der Position bei diesem oder einem anderen Arbeitgeber erreicht werden können. Dies geht möglicherweise mit einer persönlichen Weiterentwicklung einher, indem man lernt, Nein zu sagen und zu delegieren, nicht immer alles selbst machen zu wollen und perfekt sein zu müssen. Erstaunlicherweise finden sich immer mehr Arbeitgeber dazu bereit, Stellen auch als Dreiviertelstellen zu besetzen, wenn der Arbeitnehmer ansonsten nicht zur Verfügung steht. Dies erfordert entsprechend gute Argumente im Vorstellungsgespräch.

Dann kann es sein, dass Arbeitnehmer lediglich glauben wollen, ihre Bewerbungen wären wegen Überqualifikation nicht erfolgreich. Doch der Grund, warum sich jemand unter Wert verkauft, liegt manchmal darin, neuralgische Punkte nicht sehen zu wollen, wenn zum Beispiel überfachliche Kompetenzen wie Führungsfähigkeit, Projekterfahrung, Sprach- oder EDV-Kenntnisse nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind. Dann liegt möglicherweise eine hervorragende fachliche Qualifikation vor, aber andere unabdingbare Kenntnisse und Fähigkeiten fehlen. Dagegen hilft nur eines: sich schleunigst eigeninitiativ die erforderliche Qualifikation aneignen!

In meiner Praxis als Karriereberaterin ist es ebenso oft gelungen, für einen Kunden / für eine Kundin eine neue Stelle auf derselben Hierarchieebene oder mit vergleichbarer Verantwortung zu finden und dabei trotzdem die neuen Ziele zu erreichen, als dass eine Karrierestufe zurückgegangen wurde. Doch wenn dies tatsächlich nötig oder erwünscht ist, können folgende Bewerbungsstrategien hilfreich sein:

  • Qualifikation „runterkochen“: Sowohl im Anschreiben als auch im Lebenslauf können Sie Ihre Kenntnisse und Erfahrungen, soweit es sich mit den Zeugnissen in Einklang bringen lässt, entsprechend der Stelle darstellen, auf die Sie sich bewerben. Auch Aufbau und Layout der Bewerbungsunterlagen sollten zur angestrebten Position passen.
  • Positionierung als Experte für …: In Anschreiben und im Vorstellungsgespräch können Sie deutlich machen, dass die Konzentration auf ein Fachthema oder die Kundenbetreuung gewünscht wird – und daher eine Führungsaufgabe nicht mehr interessant ist.
  • Veränderte Lebenssituation: Im Vorstellungsgespräch können Sie die veränderte Lebenssituation plausibel darlegen, dass Sie sich zum Beispiel nun für Kinder, Eltern, private Projekte mehr Zeit wünschen und gleichzeitig die beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen in einer zur veränderten Lebenssituation passenden Position einbringen möchten. Dann erscheinen diese Kenntnisse und Erfahrungen eher als Mehrwert denn als Mangel.

© Petra Oerke. Artikel erschienen im März 2017.

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