Stellenanalyse

Analyse von Stellenanzeigen

Häufig erhalte ich von Kunden eine Stellenanzeige mit der Bitte einzuschätzen, ob eine Bewerbung lohnenswert wäre. Die Analyse von Stellenanzeigen und damit auch der Erfolg einer Bewerbung hängt von zwei wesentlichen Faktoren ab: dem Profil des Bewerbers und der Marktsituation.

Das Profil des Bewerbers bildet in erster Linie seine Kompetenz ab, also Kenntnisse und Erfahrungen, Methodenwissen, überfachliche Qualifikationen und persönliche Eigenschaften. Außerdem spielen die Motivation und bei Nachwuchskräften auch das Potenzial eine Rolle.

In erster Linie muss daher die Frage gestellt werden: Erfülle ich die in der Stellenanzeige genannten Anforderungen? Hier gilt es, genau hinzuschauen, denn es kann sich um sogenannte Muss- oder Kann-Anforderungen handeln, mithin zwingend notwendige, unabdingbare Voraussetzungen und solche, die unter die Nice-to-have-Rubrik fallen. Erkennen lassen sich die Muss-Anforderungen an Formulierungen wie „Wir erwarten …“, „Sie haben …“; die Kann-Anforderungen an „Idealerweise können Sie …“, „Wünschenswert wären …“

Nun könnten Sie auf die Idee kommen, dass Sie die Kann-Anforderungen nicht erfüllen müssen. Das stimmt im Grunde schon, doch der Erfolg der Bewerbung wird sich in diesem Fall eher dann einstellen, wenn es kaum andere Bewerber gibt, die diese Anforderungen erfüllen, oder wenn Sie sich durch besondere Qualifikationen von diesen Bewerbern abheben, zum Beispiel, weil Sie mit den Aufgaben der Stelle bereits ausgezeichnet vertraut sind, relevante Branchenerfahrungen vorweisen können oder bei einem wichtigen Wettbewerber gearbeitet haben.

Solche besonderen Qualifikationen können dann auch dazu führen, dass eine Muss-Anforderung umgangen werden kann: vor allem die der Ausbildung oder des Studiums. Bei langjähriger Erfahrung im relevanten Arbeitsbereich rückt zunehmend in den Hintergrund, was damals die Einstiegsvoraussetzungen waren – sonst würde es nicht so viele Quereinsteiger geben. Vielleicht war die Marktsituation gerade günstig, ein persönlicher Kontakt, eine Empfehlung hat den Ausschlag gegeben oder die vorliegende Ausbildung wurde im weitesten Sinne unter die Kategorie „vergleichbar“ eingeordnet. Im engeren Sinne fallen darunter verwandte Berufe: Industriekauffrau / Kauffrau für Groß- und Außenhandel, Betriebswirt / Volkswirt (mit betriebswirtschaftlichem Schwerpunkt), Bilanzbuchhalterin / Betriebswirtin. Ansonsten ist die Nichterfüllung einer wesentlichen Muss-Anforderung als K.‑o‑Kriterium für die Bewerbung zu werten: Sie wird dann eher keinen Erfolg haben.

Die Marktsituation bestimmt ebenfalls die Höhe der Anforderungen bzw. die Notwendigkeit, diese zu erfüllen. Stellenanzeigen zeigen, wie weit die Anforderungen in einigen Branchen, in denen zurzeit ein Bewerbermarkt herrscht, nach unten korrigiert werden. In manchen handwerklichen, technischen und pflegerischen Berufen werden derzeit so dringend Mitarbeiter gesucht, dass fast schon allein die Motivation ausreicht, in einem solchen Beruf arbeiten zu wollen, um zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Natürlich muss dann trotzdem das Potenzial stimmen, denn allein die Motivation wird aus einem Menschen, der kein Blut sehen kann, keinen guten Krankenpfleger machen, und eine Maschinenbautechnikerin ohne räumliches Vorstellungsvermögen wird vermutlich ebenfalls nicht sehr erfolgreich sein.

Doch Vieles kann erlernt werden. Unternehmen prüfen daher – gerade bei jüngeren – Bewerbern das Potenzial. Ist Führungserfahrung gefragt, lohnt sich also zum Beispiel herauszustellen, wenn Sie (vor kurzem noch) privat eine Gruppe oder ein Team geleitet haben. Sind mehr Englischkenntnisse notwendig, als Sie vorweisen können, kommt der ehemalige Leistungskurs oder ein internationaler Freundeskreis ins Spiel. Natürlich müssen solche Argumente zur Position und zu Ihrer Stellung passen, um nicht zu weit hergeholt zu wirken.

Das Unternehmen wird es immer vorziehen, eine Stelle mit einer Person zu besetzen, die von vornherein alle Anforderungen erfüllt und mit möglichst geringer Einarbeitung die Aufgaben erledigen kann. Doch bei entsprechendem Potenzial und einer günstigen Marktsituation haben Quereinsteiger eine echte Chance. Tipp: Das gilt umso mehr, je abgelegener und unattraktiver die Region ist, in der sich das Unternehmen befindet. Zum Einstieg kann das eine Option sein.

Wenn Sie unsicher sind, wie hoch die Erfolgsaussichten einer Bewerbung in Ihrem Fall sind, kann sich eine Beratung zur Stellenauswahl, Bewerbungsstrategie und Darstellung Ihrer Voraussetzungen in den Bewerbungsunterlagen lohnen.

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© Petra Oerke. Artikel erschienen im Februar 2016.

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