Karriere als Führungskraft oder Experte

Man begegnet ihm heute an jedem Mittagstisch: dem Experten, die sich mit seinen Fachkollegen lauthals in einer Spezialistenkauderwelsch verständigt. Wer hier Teamleiter ist, ist nicht mal an der Kasse zu erkennen, denn es wird reihum bezahlt. Dabei führten erfolgreiche Karrierewege lange Zeit automatisch ins Management, zu mehr Personalverantwortung, weg von den Fachaufgaben und zu weniger Spezialwissen. Doch die konstruktive Leitung eines Teams ist nicht jedem in die Wiege gelegt. Da bietet das Expertendasein eine angenehme, weil kameradschaftlichere und nervenschonende Alternative. Ein Plädoyer für die Fachkarriere.

Wann Führung nervt

Das vermeintliche Fehlverhalten oder – anders ausgedrückt – das Optimierungspotenzial von Mitarbeitenden kann ungemein stressen, ist dieses doch fortgesetzt mit der Notwendigkeit verbunden, die träge Materie des Humankapitals zu besseren Leistungen zu bewegen. Gerade die untere Führungsebene und Manager in Sandwichpositionen verzweifeln zuweilen an dieser Aufgabe: Scheint ein Verhalten abgestellt, wiederholt es sich an anderer Stelle. Hat man sich gerade in einen Sachverhalt hineingedacht, erfordert ein Konflikt im Team die Aufmerksamkeit oder muss eine falsche Bestellung gerügt werden. Je verantwortlicher die eigene Position und je höher der Termindruck, desto schwieriger bis unmöglich ist es, in solchen Situationen die Nerven zu bewahren und ein kooperatives Führungsverhalten zu zeigen. Sie kennen das: die Ärztin, die in der Behandlung ihren Ärger herunterschluckt und geduldig das richtige Instrument anfordert, oder den Bereichsleiter, der in der Vertragsverhandlung voreilige Versprechungen eines Kundenberaters diplomatisch korrigieren muss. Gehören Sie zu den Menschen, die in solchem Verhalten die Chance zur Weiterentwicklung Ihres Teams sehen? Wunderbar, dann sind Sie eine geborene Führungskraft. Wenn Sie jedoch an solchen sich wiederholenden Situationen verzweifeln und eher zu Explosion und Frustration neigen, sollten Sie den eingeschlagenen Karriereweg überdenken. Oder Abhilfe in einer Führungsfortbildung suchen.

Von patriarchalischer Führung zu Teambuilding

Denn es kann durchaus Spaß machen, Menschen zu führen. Nur mit anderen, die auf das übergeordnete Ziel hinarbeiten, können komplexere Leistungen erbracht werden. Undenkbar, dass Martin Luther die Reformation „ausgelöst“ hätte, wäre nicht Melanchthon sein theoriesicheres Backup gewesen, hätte nicht Lucas Cranach den Reformator für Flugblätter porträtiert und Katharina Luther geb. von Bora die Scharen von Schülern in seinem Hause beherbergt. Die Zeit war reif für die Veränderung, doch es brauchte Luther als charismatischen Strategen, der die neuen Ideen gegen innere wie äußere Widerstände vertrat. Er nutzte die Fähigkeiten der Menschen um ihn herum, verstand es, sie auf das Ziel einzuschwören, wobei er, wie überliefert ist, weder an überschwänglichem Lob noch an vernichtendem Tadel sparte. Ob er sich heute als Führungskraft eignen würde, ist fraglich. Das Modell des Patriarchen hat ausgedient. An seine Stelle sind kooperative Führungsstrategien, Führung durch Ziele und Übertragung von Verantwortung, die personen- und situationsbezogene Mitarbeiterentwicklung und das Teambuilding getreten. Heute stehen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern feinfühligere Naturen als Vorgesetzte im Kurs, die in ihrem Team auf Fairness und Mitbestimmung achten.

Führung lernen, Führung wollen

Glücklicherweise kann Führung zumindest teilweise erlernt werden. In großen Unternehmen gang und gäbe, in kleinen und mittleren Unternehmen aber nicht immer selbstverständlich ist die Ausbildung zur Führungskraft. Sicher wird nicht jeder Bereichsleiter zu einer begnadeten Führungsfigur, aber die faire Verteilung von Aufgaben und anständige Mitarbeitergespräche sollten damit gelingen. Gespräche zu Kritik, Gehalt, Fort- und Weiterbildung folgen bestimmten Regeln und lassen sich sehr gut vorbereiten. Schwieriger ist schon das Lösen von zwischenmenschlichen Konflikten unter Kollegen oder mit einem Teammitglied. Doch auch hier helfen Kommunikations- und Moderationstechniken, psychologisches Wissen oder schlicht die Bewusstmachung und Durchsetzung von Verantwortlichkeiten weiter. All dies wird in einer Führungskräfteausbildung vermittelt.

Nach wie vor stimmt aber trotzdem: Der Fisch stinkt vom Kopf. Führung muss gewollt und angenommen werden. Wenn ich keinen Plan habe, wohin sich mein Team bewegen soll, wird es keine gemeinsame Leistung erbringen können. Wenn ich trotz Führungsausbildung nicht weiß, was ich als Chefin zu tun habe, werden meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich nicht weiterentwickeln und es kommt zu den immer gleichen Beanstandungen. Wenn ich mich lieber mit Fachaufgaben befasse und Personalfragen als lästig ansehe oder aber auch, wenn ich Menschen einfach nicht besonders gerne mag, entscheide ich mich besser für eine Laufbahn als Experte.

Karriere als Experte oder Spezialistin

Früher eher selten, ist in unserer heutigen Wissensgesellschaft vermehrt auch ein Karriere als Experte oder Spezialistin möglich. Menschen mit enormem Spezialwissen in einem Bereich, aber ohne Führungsverantwortung wurden klassischerweise in Stabstellen an der Geschäftsführung angedockt und versorgten das Unternehmen von dort mit Expertise. Dies waren häufig Juristen oder Betriebswirtschaftler. Heute finden sich hochbezahlte Experten in der Unternehmens- und Wirtschaftsberatung, der IT-Branche, der Medizin und in allen Bereichen der Forschung und Entwicklung sowohl in Unternehmen als auch an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen. Sie sind Mitglied eines Teams, müssen dieses aber nicht führen. Das übernimmt eine berufenere Kollegin oder gleich ein Team- oder Projektleiter. Er koordiniert als Führungsspezialist die interdisziplinären Teammitglieder, überwacht die Einhaltung von Anforderungen, Terminen und Kosten und kommuniziert mit angrenzenden Bereichen. So können sich die Experten ganz ihren Fachaufgaben widmen, sich mit Spezialistinnen anderer Disziplinen austauschen, ihren Sachverstand und ihre Detailkenntnisse ins Projekt einbringen. Natürlich ist auch hier ein Mindestmaß an zivilisierten Umgangsformen und verständlicher Ausdrucksweise gefordert. Zurück ins biedermeierliche Studierstübchen oder in die dunkle Nerdhöhle geht es nicht. Doch im Idealfall kann ich mich, mal von der augenscheinlich eher anregenden Mittagspause mit der Fachgruppe abgesehen, ganz meinem Flow hingeben.

Fazit: Manchmal ist der Seitenweg besser als der nach oben. Lassen Sie sich also gut ausbilden und suchen Sie sich die Laufbahn aus, die zu Ihnen passt! Welcher Karriereweg für Sie der richtige ist, kläre ich gern in einem Gespräch mit Ihnen.

Karriere als Führungskraft oder Experte