GFK im Gruppenmeeting

GFK Gewaltfreie Kommunikation

Eines Vormittags im Büro: Hat die neue Kollegin nichts Besseres zu tun, als ihre Zeit in der Teeküche zu verplempern? Und Schröder scharwenzelt dauernd um sie rum! Überhaupt scheine ich heute der Einzige zu sein, der nicht dauernd seinen Arbeitsplatz verlässt. – Kennen Sie das? In Gedanken über andere herziehen, ihnen etwas unterstellen und sich selbst als einzigen Aufrichtigen zu glorifizieren. Oder Sie beschweren sich abends bei Ihrer Partnerin über den unsicheren Kollegen Meier, der im Meeting nicht auf den Punkt kommen kann. Doch gleichzeitig beschleicht Sie das unangenehme Gefühl, dass Sie Meier zwar die Richtung vorgeben konnten, Sie aber überhaupt nicht mitbekommen haben, was der eigentlich zu sagen hatte.

Solche Kontaktstörungen kommen häufig wie ein Bumerang zu Ihnen zurück: Sie lesen Ihre E‑Mails – und stellen fest, dass Sie den Einstand der Neuen verpasst haben. Alle anderen haben sich bei Schnittchen vergnügt, nur Sie nicht! Seltsam auch, dass der Kollege Meier die Treffen mit Ihnen auf ein Minimum zu reduzieren versucht, aber Ihre Chefin von seinen Beiträgen angetan ist. Irgendwie läuft das Ganze zunehmend aus dem Ruder.

Hätten Sie das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) gekannt, wäre es in beiden Situationen gar nicht so weit gekommen!

Marshall Rosenberg, der die GFK entwickelt hat, beschreibt sie als eine „Sprache des Lebens“, die den empathischen Kontakt zu anderen ins Zentrum der Kommunikation stellt. Zugegeben, das Erlernen der Gewaltfreien Kommunikation ist ein ziemlich anspruchsvolles Unterfangen. Oft greifen wir auf weniger hilfreiche Kommunikationsmuster zurück und versehen unsere alltäglichen Gedanken und Äußerungen – meist ohne es zu wissen – bereits mit moralischen Urteilen („faule Neue“, „Schürzenjäger Schröder“, „Heulsuse Meier“), Forderungen („Die hätten doch mal was sagen können!“ „Komm endlich auf den Punkt!“) oder Vergleichen („Wollten die mich nicht dabei haben?“). Zugleich erkennen wir diese nicht als unseren Anteil an der nicht funktionierenden Kommunikation.

Die Gewaltfreie Kommunikation wird in folgende vier Schritte unterteilt, deren Umsetzung in der ersten Situation (Einstand der neuen Kollegin in der Teeküche) folgende Wirkung hat:

1. Trennung von Beobachtung und Bewertung: Etwas zu beobachten, ohne es zu bewerten, ist der erste Schritt im Prozess der Gewaltfreien Kommunikation. In diesem Fall wäre Ihnen aufgefallen, dass Sie die neue Kollegin heute Vormittag mehrmals in der Teeküche gesehen haben, Ihr Schreibtischnachbar Schröder später ebenfalls dort war und die Abteilung insgesamt weniger besetzt war als sonst.

2. Wahrnehmen von Gefühlen: Die sofortige Bewertung einer Situation dient dem Selbstschutz. Wir müssen uns dann nicht mit unseren Gefühlen auseinandersetzen. Hätten Sie Ihr Gefühl wahrgenommen, wäre Ihnen möglicherweise bewusst geworden, dass es Sie irritiert oder ärgert, die anderen zusammenstehen zu sehen, während Sie arbeiten.

3. Bedürfnisse erkennen und akzeptieren: Dann stellt sich die Frage, warum entsteht dieses Gefühl? Wünschen Sie sich einen besseren Kontakt zu den Kollegen und wären daher gern mit dabei gewesen? Haben Sie zurzeit so viel zu tun, dass Ihnen eine stärkere Besetzung der Abteilung wichtig gewesen wäre? Erst das Erkennen und die Akzeptanz der Bedürfnisse ermöglicht eine Kommunikation, mit der wir einen echten Kontakt zu uns selbst und anderen herstellen können und eine Lösung für alle Seiten gefunden werden kann.

4. Bitten bewusst formulieren: Dann wäre es möglich gewesen, die Kollegin und Schröder anzusprechen: „Mensch, es irritiert mich, euch hier stehen zu sehen. Ich würde gern einen Kaffee mit euch zusammen trinken. Passt das?“ Oder: „Wisst ihr, ich ärgere mich darüber, euch hier stehen zu sehen. Ich habe mit der Erstellung der Angebote so viel zu tun und bin nun schon zehnmal ans Telefon gegangen, weil in der Abteilung nur drei Leute sind. Könnt ihr mich unterstützen?“

Fällt Ihnen der Unterschied zur üblichen Kommunikation auf? Es gibt keine Schuldzuweisungen, keine Forderungen. Stattdessen werden Gefühle und Bedürfnisse klar ausgedrückt und eine offene Bitte geäußert. Die Gewaltfreie Kommunikation hilft Ihnen, eine Situation partnerschaftlich zu klären. Vermutlich bekommen Sie, was Sie brauchen (mehr Kontakt) oder Ihr Bedürfnis verändert sich (Zurückstellen der Arbeit zugunsten des Einstands der Kollegin).

In der Situation mit dem Kollegen Meier können die genannten fünf Schritte wie folgt wirken:

1. Beobachtung: Kollege Meier druckst herum, wirkt unsicher und ängstlich, kommt nicht zur Sache.

2. Gefühle wahrnehmen: Ärger kommt in Ihnen auf, denn das Meeting sollte nur kurz dauern. Sie öffnen sich aber für Ihren Kollegen und nehmen auch seine Gefühle wahr.

3. Bedürfnis erkennen: Sie sagen, dass das Meeting auf eine halbe Stunde angesetzt ist und Sie daher gern schnell auf den Punkt kommen möchten, Ihnen aber gleichzeitig auffällt, dass es ihm schwerfällt, seinen Beitrag darzustellen.

4. Bitte äußern: Sie bitten Herrn Meier darum, Ihnen mitzuteilen, aus welchem Grund diese Schwierigkeiten bestehen.

Die Antwort kann verblüffend sein: von Konzentrationsproblemen aufgrund durchwachter Nächte, da das Baby dauernd schreit, über mangelnde Vorbereitung durch Zeitnot wegen anderer Projekte bis zu übertriebenem Respekt vor Ihrer Kompetenz und Zielstrebigkeit. Auf jeden Fall wird es Ihnen durch das echte Interesse an der Person Ihres Kollegen im weiteren Gespräch eher gelingen, diesen für eine Zusammenarbeit mit Ihnen zu begeistern – und das erstaunlicherweise meist auch in der geplanten Zeit. In der Regel reicht ein erster Impuls, um einen tragfähigen Kontakt herzustellen; manchmal sind aber auch mehrere Versuche im Gespräch nötig, um eine vielleicht seit Längerem bestehende Kontaktstörung aufzuheben oder das eigene Kontaktverhalten zu verbessern.

Mit etwas Übung – und oft auch nach einigen Rückfällen – gelingt es, das zunächst etwas hölzern wirkende Konzept der GFK in Alltagssituationen zu überführen. Wesentlich ist die Bereitschaft, durch (Selbst-)Empathie die Situation zu klären und Möglichkeiten zu finden, die Bedürfnisse auf allen Seiten zu erfüllen. Es wird Ihnen dann auffallen, um wie viel friedlicher viele Gespräche ablaufen, wenn die Beteiligten anders kommunizieren. Und Sie können mit der GFK in Ihrer direkten Umgebung zu einem partnerschaftlichen Miteinander beitragen.

Die Gewaltfreie Kommunikation – oder Wertschätzende Kommunikation, wie sie in Deutschland auch genannt wird – wurde von dem Konfliktmediator Marshall B. Rosenberg (06.10.1934 – 07.02.2015) in den USA entwickelt. An einfachen Beispielen wurde hier beschrieben, wie der Kommunikationsprozess nach der GFK funktioniert. Wie Sie von der GFK auch in schwierigen Situationen in Ihrem Berufsalltag profitieren, können Sie sich in einem Karrierecoaching aneignen. Weiterlesen: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens von Marshall B. Rosenberg, erschienen in der 11. Auflage 2013 bei Junfermann. Wikipedia bietet einen guten ersten Überblick über die GFK und Rosenberg.

[20.08.2016]

Wenn Sie automatisch über neue Einträge informiert werden wollen, folgen Sie uns auf Facebook oder XING.

GFK Gewaltfreie Kommunikation