gendergerechtes Schreiben

An den/die LeserIn? Die geschlechtsneutrale Schreibweise

Schüler und Schülerinnen, SchülerInnen, Schüler/‑innen oder SuS? Beim Verfassen einer Bachelor-, Masterarbeit oder Dissertation kommt heute niemand mehr daran vorbei, sich mit dem Thema geschlechtsneutrales Schreiben zu beschäftigen. Doch gibt es überhaupt eine geschlechtsneutrale Schreibweise und welche Schreibweise ist sinnvoll oder empfehlenswert? Wir geben einen Überblick.

Ehrlich gesagt: Gern hätte ich mich vor diesem Thema gedrückt. Denn beim Thema gendergerechtes Schreiben gibt es kein Richtig und Falsch, wohl aber verschiedene Ansichten und Positionen, die oft vehement verteidigt werden. Für mich sind die meisten Positionen in gewisser Weise plausibel und nachvollziehbar. Im Rahmen des Lektorats ist meine Linie klar: In der Regel führe die gewählte Schreibweise meiner Kundin oder meines Kunden fort; alternativ geben die Richtlinien der jeweiligen Hochschule die Richtung vor. Doch weil ich für diesen Blog für eine Schreibweise wählen muss, muss ich dazu wohl oder übel Stellung nehmen – und meine Wahl begründen.

Worum geht es? Es geht um die Frage, wie verdeutlicht werden kann, dass sich Personenbezeichnungen auf Personen jeden Geschlechts beziehen. Das bezieht sich im Grunde nicht nur auf die gleichberechtigte Nennung von Männern und Frauen, sondern kann auch auf Inter- oder Transsexualität erweitert werden. Geschlechter- oder gendergerechtes Schreiben war lange kein Thema. Bis in die Siebzigerjahre wurde ausschließlich von Studenten oder Professoren gesprochen, wobei davon ausgegangen wurde, dass weibliche Personen mitgemeint seien.

Heute ist in der wissenschaftlichen Community weitgehend akzeptiert, dass es nicht mehr genügt, in einem Text nur von Autoren oder Lesern zu sprechen. Natürlich kann man dies dennoch noch tun, wenn man der Ansicht ist, dass das sogenannte generische Maskulinum historisch gesehen immer beide Geschlechter umfasst hat (fundiert und unterhaltsam zugleich wird dies hier dargelegt). Unumstritten ist aber, dass bei einer solchen Schreibweise dennoch wohl erst einmal an männliche Personen gedacht wird (das können Sie zum Beispiel hier nachlesen).

Meines Erachtens sind wir heute durch die unterschiedlichen Formen des geschlechtergerechten Schreibens so stark für dieses Thema sensibilisiert, dass man sich damit befassen muss – egal, wie auch immer man sich dann entscheidet. Das ist mir aufgefallen, als ich mich neulich beim Lesen eines Ratgebers für wissenschaftliches Schreiben aus den Neunzigerjahren bei Lesen von Passagen wie „Der Student sollte …“ wie in eine frühere Zeit zurückgeworfen fühlte. Okay – zu diesem Eindruck trugen wahrscheinlich auch die Hinweise bei, dass der Gebrauch eines Computers durchaus von Vorteil sei, wobei „der Student“ aber regelmäßig Sicherheitskopien auf Diskette machen sollte, und Ähnliches.

Daher: An diesem Thema führt kein Weg vorbei.

Möglichkeiten des geschlechtergerechten Schreibens

Sie haben aktuell verschiedenste Möglichkeiten, in Ihrer Arbeit beide Geschlechter explizit zu benennen. Dies sind die gängigsten Formen:

(1) Ausschreiben der männlichen und weiblichen Form: die Autoren und Autorinnen / die Autorinnen und Autoren

Vorteil: Das ist die wohl deutlichste Form, weibliche Personen zu bezeichnen. Umständlich wird’s bei Sätzen wie: der oder die Vorsitzende und sein oder ihr Vertreter oder Vertreterin. Problematisch ist auch, dass diese Form in der Praxis nicht konsequent angewandt wird: So liest man zwar von Bürgerinnen und Bürgern, nicht aber von Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterziehern.

Nachteil: Bei dieser Schreibweise wird der Text recht lang und oft umständlich zu lesen. Wenn Sie Platz sparen möchten (oder müssen), ist sie nicht empfehlenswert.

Mein Vorschlag (Achtung, subjektiv): Wenn Sie diese Variante wählen möchten, sollten Sie dies nur für konkrete Personen tun (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter), nicht für eher neutrale Bezeichnungen wie die Träger einer Maßnahme (nicht noch: die Trägerinnen) oder die Akteure der Globalisierung (nicht noch: die Akteurinnen). Das halte ich für nicht erforderlich. Je konkreter also die Personen gemeint sind und je direkter sie angesprochen werden, desto eher sollten beide Formen genannt (das heißt ausgeschrieben) werden.

(2) Großes Binnen-I: die AutorInnen

Vorteil: Diese Form ist aktuell weit verbreitet und lässt sich leicht umsetzen. Der Platzbedarf ist gering.

Nachteil: Im Singular wird meist von der weiblichen Form ausgegangen; meist heißt es: die AutorIn und ihre Bücher. Dies kann als tendenzielle Bevorzugung weiblicher Personen gesehen werden.

Auch ist diese Schreibweise für den mündlichen Vortrag nicht geeignet (es sei denn, man macht beim Sprechen eine kleine Atempause zwischen Autor und Innen, zieht das r und das i also nicht zu rin zusammen. Ob das aber beim Sprechen so umgesetzt und vor allem beim Hören richtig aufgefasst wird, sei dahingestellt).

Außerdem sieht der Duden die Möglichkeit, einen Großbuchstaben inmitten eines Wortes zu verwenden, nicht vor.

Mein Vorschlag: Ich sehe es pragmatisch: Diese Variante ist nicht die schlechteste Wahl für einen Text, der in schriftlicher Form bleiben wird, der also nicht zum Vortrag gedacht ist. Denn sie ist leicht umsetzbar und mittlerweile weit verbreitet. Ich würde das große Binnen-I jedoch nicht in zusammengesetzten Begriffen verwenden, also weder in der ExpertInnenbefragung (sondern Expertenbefragung) noch auf ArbeitgeberInnenseite (sondern Arbeitgeberseite).

(3) Die Form mit dem Schrägstrich: die Mitarbeiter/innen, die Mitarbeiter/-innen

Vorteil: Dies ist die Form, die der Duden empfiehlt, zumindest mit dem Bindestrich nach dem Schrägstrich: Dieser dient als Auslassungszeichen und steht hier für Mitarbeiter, bevor sich daran das innen anschließt.

Nachteil: Schwierig wird es bei Begriffen wie Autoren: Heißt es Autoren/innen, Autoren/‑innen oder Autor/inn/en? Der Duden empfiehlt hier Autoren/‑innen (hier bezieht sich der Auslassungsstrich nur auf Autor). Schwierig wird es auch beim Singular: Möglich ist ein/‑e Autor/‑in oder der/die Autor/‑in. Dies lässt sich schon schwer lesen, aber kaum noch aussprechen.

Mein Vorschlag: Diese Variante kann ich nur für Flyer oder amtliche Nachrichten usw. empfehlen, die kurz sind und in denen nur selten Personenbezeichnungen auftauchen. In einer wissenschaftlichen Arbeit sollte sie nicht angewandt werden, weil sie zu optischer Unruhe führt.

(4) Männliche Schreibweise mit Inklusionsverweis

Sie verwenden ausschließlich die männliche Schreibweise und geben in einer Fußnote an, dass sich diese auf beide Geschlechter bezieht.

Dies ist die kürzeste und einfachste Variante. Bei Erstnennung eines Begriffs wie Autoren fügen Sie eine Fußnote ein und schreiben darin zum Beispiel: In der folgenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen beiderlei Geschlechts. Wenn Sie dann im Text explizit Frauen meinen, schreiben Sie …innen.

Gelegentlich wird übrigens auch die weibliche Form generalisierend verwendet; der Begriff Autorinnen umfasst demnach auch männliche Autoren. Problematisch fand ich das konkret bei einer Arbeit, die ich zum Lektorat erhielt, in der es um die Arbeit von Richterinnen und Beamtinnen im alten Griechenland ging – und ich mich fragte, ob es damals wirklich Frauen unter diesen Personengruppen gegeben hatte. Die Möglichkeit, explizit und ausschließlich Frauen zu bezeichnen, sollte erhalten bleiben. Das ist sie aber nicht, wenn …innen für beide Geschlechter gelten soll.

Vorteil:  Einmal die Fußnote eingefügt, können Sie wie eh und je von Mitarbeitern, Kunden oder dem Verfasser usw. schreiben. Das spart Platz, Zeit und lenkt nicht von dem eigentlich Wichtigen – dem Inhalt Ihrer Arbeit – ab.

Nachteil: Diese Methode wird vielfach kritisiert, weil durch die Nennung nur eines Geschlechts nicht sichergestellt werden könne, dass beim Lesen das andere immer mitgedacht werde.

Mein Vorschlag: Diese Variante halte ich aufgrund ihrer weiten Verbreitung für praktikabel und rate nicht davon ab, wenn – und jetzt kommt eine wichtige Einschränkung – wirklich immer an beide Geschlechter gedacht wird. Neulich las ich in einem Ratgeber, dass ein Autor einer wissenschaftlichen Arbeit im Vorwort durchaus seiner Ehefrau danken darf. Natürlich darf er das – aber genauso eine Autorin (die ja theoretisch bei Autor mitgemeint sein müsste) ihrem Ehemann! Dieser Satz lässt für mich nur den Schluss zu, dass bei Autor eben doch zunächst an eine männliche Person gedacht wird.

Vorsicht also beim Singular. Oft lese ich von den Studierenden (Plural) – aber auch von einem Studierenden (und nicht von einer Studierenden). Da kann man gleich von dem Studenten sprechen! Die neuen Begriffe mit der Endung …ende(n) sind nur im Plural geschlechtsneutral.

(5) Weitere Möglichkeiten

Im Laufe unserer Lektoratstätigkeit bekommen wir eine ganze Reihe an Varianten zu sehen:

  • In der Schweiz beispielsweise wird die Frage der geschlechtsgerechten Schreibweise sehr ernst genommen; in den meisten Kantonen gelten hierfür strenge Vorgaben für die Amtssprache. Dabei wird mit diesem Thema jedoch recht kreativ und unverkrampft umgegangen: In einer Dissertation wurde beispielsweise abwechselnd und ohne erkennbares Schema mal von Kundinnen und mal von Kunden Nach anfänglicher Irritation beim Lesen habe ich mich schnell an diese Form gewöhnt; angenehm zu lesen ist sie ohnehin. (Der Nachteil ist nur, dass man es ohne explizite Kennzeichnung nicht deutlich machen kann, wenn im konkreten Kontext einmal wirklich eine weibliche oder männliche Person gemeint ist.) Recht verbreitet sind in der Schweiz und in Österreich auch die Mitarbeitenden und ähnliche neutrale Bezeichnungen.
  • Eine weitere Möglichkeit – die offenbar aus dem englischsprachigen Raum kommt – besteht darin, von dem Leser zu schreiben, als Pronomen dann aber nicht nur er zu verwenden, sondern auch sie, zum Beispiel: Das Glossar dient als Ergänzung für den Leser, der oder die hier einzelne Begriffe nachschlagen möchte. Das ist grammatikalisch etwas holprig, aber die Absicht dahinter wird deutlich.
  • In Gebrauch sind auch Schreibweisen mit Sternchen (die Autor*innen) oder Unterstrich (die Autor_innen). Diese Formen werden in wissenschaftlichen Texten bislang jedoch kaum verwendet.

Welche Variante habe ich für diesen Ratgeber gewählt?

Von folgenden Aspekten bin ich ausgegangen:

  • Die ausschließliche Nennung nur der männlichen Form ist heute nicht mehr empfehlenswert.
  • Der Text sollte so gut lesbar wie möglich sein.
  • Vom Leser oder der Leserin darf ruhig etwas Kompromissbereitschaft erwartet werden. Wichtig scheint mir, dass die Intention des Autors oder der Autorin – nämlich die Berücksichtigung von Personen jeden Geschlechts – gewürdigt wird, auch wenn im Text die gewählte Methode nicht bis ins letzte Detail durchgehalten wird.

In diesem Blog gehe ich wie folgt vor:

(1) An zentralen Stellen des Textes (zum Beispiel am Beginn eines Kapitels) nenne ich beide Geschlechter: Dieser Text richtet sich an die Autorinnen und Autoren einer wissenschaftlichen Arbeit. Auch wenn ich Sie direkt anspreche, mache ich dies üblicherweise mit beiden Bezeichnungen: Sie, die Leser und Leserinnen dieses Ratgebers. Diese lange Form zu verwenden verstehe ich auch als Form der Höflichkeit.

(2) Danach verwende ich das generische Maskulinum und spreche von den Autoren und den Verfassern. Dabei sind jedoch Personen beiderlei Geschlechts gemeint. Eine Fußnote dazu werden Sie hier aber nicht finden. Denn dieses Verfahren zieht sich durch den gesamten Text. Daher gehe ich davon aus, dass beim Lesen nach und nach ein Lern- oder Wiedererkennungseffekt auftritt und die Intention auch ohne erläuternde Fußnote deutlich wird.

(3) Bei konkreten Beispielen, in denen es um eine Person geht, verwende ich tendenziell häufiger die weibliche Form. Ich erwähne also häufiger eine Kundin, die mir ihre Dissertation zum Lektorat überließ, oder empfehle, dass Sie Ihre Betreuerin noch einmal um Rat fragen sollten. Dies dient gewissermaßen als Ausgleich zum generischen Maskulinum.

(4) Sofern verfügbar, verwende ich neutrale Begriffe, die sich bereits etabliert haben. Dazu gehören zum Beispiel die Lehrkräfte (statt Lehrern und Lehrerinnen), die Pflegekräfte (statt Krankenschwestern und Pflegern) oder die Studierenden (statt Studenten und Studentinnen). Das treibe ich aber nicht auf die Spitze. Gute Lesbarkeit geht vor Kreativität der Begriffsbildung.

(5) Zusammengesetzte Begriffe bleiben, wie sie sind: Es gibt ein Experteninterview und ein Kundengespräch. Denn diese Begriffe sind etabliert, und nur mit viel Fantasie würde jemand allen Ernstes davon ausgehen, dass hier weibliche Personen nicht mitgemeint seien.

Insgesamt kommt dieser Blog daher ohne erläuternde Fußnote, ohne großes Binnen-I, ohne Schrägstriche, Sternchen und dergleichen bei Personenbezeichnungen aus. Dennoch wird – hoffentlich – die Intention deutlich: Selbstverständlich sind Personen jeden Geschlechts gemeint.

Gern sehen wir Ihre Arbeit im Rahmen eines Korrekturlesens oder Lektorats durch. Dabei achten wir selbstverständlich darauf, dass die gewählte geschlechtsneutrale Schreibweise einheitlich eingehalten wird.

An den/die LeserIn? Die geschlechtsneutrale Schreibweise